Ohne Cash keine Bildung? Bremer Studenten beklagen steigende Kosten

Teures Studium in Bremen: Wer kann sich das noch leisten?

Bild: dpa | Sina Schuldt

Der Semesterbeitrag in Bremen wird teurer. Auch die gestiegenen Lebenshaltungskosten bringen manche Studierende in Existenznot. Wer kann sich ein Studium aktuell leisten?

Studieren ist teuer. Die unter anderem durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Energiepreissteigerung hat eine Inflation in Gang gesetzt, die Studierende besonders hart trifft. Denn nicht alle haben die Gelegenheit, mehr Geld zu verdienen.

Und nun müssen Bremer Studenten ab Oktober nochmal tiefer in die Taschen greifen: Der Semesterbeitrag steigt von aktuell 347,50 Euro auf 425,40 Euro, das sind gut 25 Prozent mehr. Die Ursache: Mehrkosten beim Semesterticket, aber auch beim Studierendenwerk.

Das macht schon jetzt Verluste – und soll künftig weniger Zuschüsse vom Senat bekommen. In der Vorlage des Wissenschaftsausschusses hieß es am 19. März, dass infolge des Sanierungskonzeptes des Senats in den Jahren 2025 bis 2027 jeweils 1,45 Prozent vom Zuschuss an das Studierendenwerk abgezogen werden. Das bedeutet, dass insgesamt 345.000 Euro weniger zur Verfügung stehen.

Mit der Erhöhung werde der Bremer Semesterbeitrag zu einem der teuersten in ganz Deutschland, kritisieren die Allgemeinen Studierendenausschüsse.

Beitragerhöhung aus politischer Sicht unvermeidbar

Aus Sicht von Bremens Wissenschaftssenatorin Kathrin Moosdorf (Die Grünen) war die Semesterbeitragserhöhung erstmals seit fünf Jahren nötig, weil das bundesweite Semesterticket teurer wurde und weitere Kostensteigerungen nicht durch öffentliche Mittel abgefedert werden konnten.

Bremen habe laut Moosdorf zwar ein gutes Unterstützungssystem, das würden auch die zuletzt steigenden Studentenzahlen zeigen. Trotzdem sieht sie Handlungsbedarf – vor allem beim Bund: "Ich setze mich auf Bundesebene sehr für eine Bafög-Reform ein, damit sich Studenten auf ihr Studium konzentrieren können", sagt Moosdorf.

Wohnen, Essen, Krankenkasse – für mehr reicht es nicht

Julind Kovacevic ist 22 Jahre alt, studiert im sechsten Semester Psychologie an der Uni Bremen und wünscht sich sehr, dass seine Lebenshaltungskosten einfach mal so bleiben, wie sie sind. Mehrmals im Semester denkt er daran, einfach aufzuhören, weil er sich sein Leben als Student eigentlich nicht leisten kann.

Ich hab schon öfter überlegt, dass ich das Studium einfach abbreche und stattdessen eine Ausbildung mache, wie mein Bruder. Auch wenn ich die Hochschulzugangsberechtigung habe und genug Wissen, um ein Studium abzuschließen. Nur weil ich das finanziell nicht gut schaffe.

Julind Kovacevic, Psychologiestudent Uni Bremen
Julind Kovacevic vor der Uni Bremen.
Im Vergleich zum Anfang seines Studiums seien die Kosten sehr gestiegen, sagt Julind Kovacevic. Bild: Radio Bremen | Mario Neumann

Obwohl er relativ günstig in einem Studentenwohnheim lebt, ist die Miete der größte Teil seiner Fixkosten. Dann kommen Essen und die Krankenversicherung. Er schaut zurück auf seinen Studienbeginn vor drei Jahren, im Herbst 2022 und vergleicht mit 2025:

Die Miete ist von anfangs 325 auf 365 Euro gestiegen. Die Krankenversicherung von rund 95 auf 140 Euro. Und im Moment zahlt er knapp 58 Euro Semesterbeitrag monatlich, 71 Euro sind es ab Oktober.

Student bekommt Geld aus Stipendium, Nebenjobs und von den Eltern

Julind Kovacevic kommt aus Montenegro, hat schon früh Dank deutschem Kinder-Fernsehen Deutsch gelernt, aber keinen Bafög-Anspruch. 300 Euro bekommt er über das Deutschland-Stipendium, 200 Euro über seinen ersten Minijob. Mit rund 300 Euro monatlich unterstützen ihn seine Eltern.

Zusätzlich arbeitet er ab diesem Semester nebenher als Sporttrainer. Auch wenn er schon von Dozenten gehört hat, sein Studium sei nur in Vollzeit zu machen. Im Moment hat er eine 50-Stunden Woche. Wer so knallhart kalkuliert wie Julind, auf viel verzichtet und genügsam ist, kommt seiner Ansicht nach mit einem absoluten Minimum von 700 Euro monatlich aus.

Kein Geld, kein Studium

Eigentlich sollen alle studieren können, die fachlich dafür geeignet sind und sich für einen entsprechenden Beruf qualifizieren wollen, sagt René Böhme vom Institut für Arbeit und Wirtschaft an der Uni Bremen. Doch das gilt nur theoretisch. In der Praxis ist deutlich zu sehen, dass viel mehr Menschen aus wohlhabenden, gut gebildeten Elternhäusern studieren. Mit steigenden Kosten werden es noch weniger Studierende aus weniger reichen Familien. Die Chancengerechtigkeit leidet stärker.

Sozialwissenschaftler Böhme meint, es muss mehr günstiger Wohnraum für Studierende her. Aktuell reichen die Wohnheimsplätze in der Stadt Bremen für noch nicht mal sieben Prozent der Studierenden. Es zeigt sich auch, dass immer mehr Studierende zu Hause wohnen bleiben. Und norddeutsche Universitätsstädte mit entsprechend klammen öffentlichen Haushalten verlangen höhere Semesterbeiträge als süddeutsche.

Stipendienvergabe und Bafög überarbeiten

Stipendien tragen dazu bei, die soziale Ungleichheit zu verschärfen, weil sie oft von leistungsstarken jungen Menschen abgerufen werden, berichtet Böhme aus der Stipendienforschung. Aufgrund der elterlichen Unterstützung weisen Bewerber oft schon einen beachtlichen Lebenslauf vor.

Sinnvoll wären daher Stipendien, die die Einkommensverhältnisse der Herkunftsfamilie stärker berücksichtigen und eine Bafög-Reform, die auch die Mieten in großen Städten stärker berücksichtigt.

Sauer auf die Politik

Saskia Gagel in der Uni Bremen
Saskia Gagel lebt noch zu Hause. Da sie sich dort zwar an den Kosten mitbeteiligt, ist es für sie oft trotzdem knapp. Bild: Radio Bremen | Mario Neumann

Saskia Gagel, 26 Jahre alt, studiert Germanistik und Biologie auf Lehramt. Sie bekommt Bafög und arbeitet auch immer wieder an der Uni. Trotzdem ist es ab dem 20. Kalendertag des Monats schwierig für sie, über die Runden zu kommen. Sie wohnt zwar noch zu Hause, kauft aber selbst ein und beteiligt sich an anderen Kosten.

Sie will die Argumentation von Wissenschaftssenatorin Moosdorf nicht gelten lassen und ist sauer auf die Politik, weil sie dem Studierendenwerk die Zuschüsse kürzt. Damit mache die Politik es denjenigen, die es finanziell schwer haben, noch schwerer.

Florian Walter vom Asta der Uni Bremen sagt: "80 Prozent der Studierenden, die in Wohngemeinschaften leben, sind armutsbetroffen." Er hält einen Bafög-Höchstsatz von mindestens 1.250 Euro für notwendig. Wohnen und Ernährung sind mit rund zwei Dritteln der monatlichen Gesamtausgaben die größten Kostenfaktoren, so Walter weiter. Dass dann auch noch Bürgerschaftsabgeordnete dafür stimmen, dem ohnehin unterfinanzierten Studierendenwerk Zuschüsse zu kürzen, gehe so nicht, meint Florian Walter.

Autor

  • Zu sehen ist ein Porträtfoto von Mario Neumann. Blaue Augen, relativ kurze, dunkelblonde Haare. Er hat die Arme verschränkt und lächelt.
    Mario Neumann Autor

Quelle: buten un binnen.

Dieses Thema im Programm: buten un binnen, 3. April 2025, 19:30 Uhr